Wissen / Ausstellen. Eine Wissensgeschichte von Ausstellungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Forschungskolleg an der Universität Göttingen mit Förderung durch die VW-Stiftung

Das Deutsche Medizinhistorische Museum ist beteiligt am VW-Forschungskolleg Wissen | Ausstellen der Professur für Materialität des Wissens (Prof. Dr. Margarete Vöhringer) an der Universität Göttingen.
Wir kooperieren mit dem Forschungskolleg in einem Dissertationsprojekt an der Schnittstelle von Medizin, Medizinethik, Museologie und Öffentlichkeit:

Der ‚Schauwert‘ von Human Remains
Ausstellungen als Akteure im (medizin-)ethischen Diskurs

Betreuung: Prof. Dr. Claudia Wiesemann, Institut für Ethik und Geschichte der Medizin,
Georg-August-Universität Göttingen

Die inhaltliche Konzeption einer wissenschaftlich fundierten Ausstellung, vor allem aber die Auswahl, Inszenierung und thematische Kontextualisierung der Exponate gehorchen implizit oder explizit auch ethischen Imperativen. Dies gilt insbesondere dann, wenn die ausgestellten Objekte den Menschen selbst oder menschliche Überreste betreffen, was nicht erst seit den „Körperwelten“ Gunther von Hagens breite Aufmerksamkeit findet.

Ausstellungen machen nicht nur ihren jeweiligen fachwissenschaftlichen Bezugsrahmen explizit (und verändern ihn), sondern wirken sich auch auf das Menschenbild der Wissenschaft sowie gesellschaftliche Wert- und Normensysteme aus. Im Falle medizinhistorischer Ausstellungen ist das Verhältnis zwischen Disziplin und Gesellschaft besonders dynamisch. Wegen der disziplinären Nähe zu ethischen Fragestellungen ist hier die Reflexion über Normen- und Wertesysteme wenn nicht notwendig das Ziel, so doch obligatorischer Bestandteil konzeptioneller und inhaltlicher Überlegungen.

Im Rahmen des Dissertationsprojekts sollen Ausstellungen mit medizinhistorischem Fokus ab 1950 als Akteure eines gesellschaftlich wirksamen ethischen Diskurses untersucht werden. Das Projekt soll sich einigen der folgenden Fragen widmen: Welche Positionen werden implizit oder explizit bezogen, und wie antworten Ausstellungen damit auf gesellschaftliche Auseinandersetzungen über die medizinische und naturwissenschaftliche Betrachtungsweise des Menschen und seiner Überreste bzw. nehmen selbst als Akteure daran teil? Was wird in Ausstellungen als Grenzüberschreitung wahrgenommen, wie wird darauf von der Fachwissenschaft, der Öffentlichkeit und den individuellen Museumsbesucher_innen reagiert, um welche Objekte und Präsentationsweisen geht es? Auf was wird bewusst verzichtet, und welche Objekte werden nicht gezeigt? Auf welche Präsentationsmedien und -ästhetiken wird bei der Ausstellung sensibler Exponate zurückgegriffen? Wie ist das Verhältnis zwischen Sonder- und Dauerausstellungen beschaffen?

Mit diesen Fragen ist nicht nur das „Endprodukt“ Ausstellung zu analysieren, sondern auch – soweit möglich – der jeweils vorgeschaltete Entscheidungsprozess.  Das Promotionsprojekt ist daher im Grenzbereich zwischen Wissenschafts- und Medizingeschichte, Medizinethik sowie Sammlungs- und Ausstellungsforschung angesiedelt.

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