Ausnahmen II

Vom Aushandeln der sozialen Distanz bei der Lepra | Heute Abend um 18 Uhr wird im Ingolstädter Münster zum ersten Mal seit Wochen wieder eine Messe gefeiert – wenn auch nur unter strengen Auflagen. Mehr als 50 bis 60 Gläubige werden aufgrund der Abstandsregeln nicht teilnehmen können. Aber immerhin, ein weiterer Schritt hin zu einem „Alltag unter Corona-Bedingungen“ ist damit gemacht.  

Dieses vorsichtige Austarieren zwischen Schließen und Öffnen, zwischen Distanz und Nähe, das wir gerade erleben, ist nichts Neues. Das wird am Beispiel der Lepra besonders deutlich und beginnt bereits mit der biblischen Überlieferung. Im Alten Testament finden wir die harsche Aussatz-Regel: „Wer nun aussätzig ist, des Kleider sollen zerrissen sein und das Haupt bloß und die Lippen verhüllt und er soll rufen: Unrein, unrein! Und solange das Mal an ihm ist, soll er unrein sein, allein wohnen und seine Wohnung soll außerhalb des Lagers sein.“ Gleichzeitig aber gibt es im Neuen Testament mehrfach Berichte der hingebungsvollen Sorge Christi gerade für diese Ärmsten der Armen. Die mittelalterliche und frühneuzeitliche Welt hatte einen Weg gefunden, den Umgang mit Leprosen in beiderlei Hinsicht entsprechend der Bibel zu gestalten.

Leprose wurden aus der Gemeinschaft ausgegrenzt, wie es im Alten Testament vorgeschrieben war. Entsprechend vorsichtig war man bei der Diagnosestellung. Dafür gab es eine eigene Lepraschau. Das Ergebnis wurde in einer besiegelten Urkunde festgehalten – das gab es für keine andere Erkrankung. Die Kranken mussten ihr weiteres Leben in einem kleinen Leprahospital außerhalb der Stadtmauern mit anderen Leprosen verbringen. Hier waren sie allerdings versorgt, hatten ein festes Dach über dem Kopf und konnten nicht verhungern. Ihr Beruf war fortan das Betteln, üblicher Weise in Gemeinschaft.

Das Betteln appellierte – ganz im Sinn des Neuen Testamentes – an die Nächstenliebe der Gesunden und an ihre Mildtätikeit, die christliche Caritas. Wer einem Leprosen Almosen reichte, handelte in der Nachfolge Christi und tat ohne jeden Zweifel ein gutes Werk. Zum Betteln mussten die Leprosen allerdings ihre Häuser verlassen und unter die Leute gehen. Es gibt zahlreiche Darstellungen von bettelnden Leprosenzügen – die berühmteste vielleicht von Pieter Bruegel dem Älteren in seinem Gemälde „Der Kampf zwischen Karneval und Fasten“ (1559).

Die Almosengeber sollten den Leprosen aber nicht zu nahe kommen. Letztere durften deswegen ihre Spitäler nur in einer den ganzen Körper verhüllenden Tracht verlassen und mussten durch Glocken, Rasseln oder Klappern auf sich aufmerksam machen. So war schon vor einer Berührung klar: Diesem Menschen etwas zu geben ist besonders verdienstvoll, aber ich muss auf Abstand bleiben. Doch auch dafür gab es Ausnahmen. Es gibt Berichte von Menschen, die den Ekel überwanden und Aussätzige berührten, sie wuschen, küssten oder ihnen das eigene Bett überließen – und zwar in den Lebensgeschichten der Heiligen: Martin von Tours küsste vor den Toren von Paris einen Aussätzigen; Papst Deusdedit (Adeodatus) I. reinigte Aussätzige; Hugo von Lincoln und Franz von Assisi sollen Aussätzige geküsst haben. Otmar von St. Gallen errichtete ein Aussatzspital, das er nachts besuchte, um die Aussätzigen zu waschen. Elisabeth von Thüringen wusch Aussätzigen die Füße und küsste ihre Wunden; als ihrem Ehemann berichtet wird, sie habe einem Aussätzigen ihr Bett angewiesen, geht dieser erbost in ihr Schlafgemach und findet im Bett den Gekreuzigten.

Beide Ausnahmesituationen, die Almosengabe auf Distanz und die heiligengleiche Annäherung, sind auf dem hier gezeigten Tafelbild des Münchner Malers Hans Mieliech (1516-1573) zu sehen. Das Bild hängt nicht etwa in einem Museum – es befindet sich im Ingolstädter Münster, und zwar auf der Rückseite des Hochaltars, den Herzog Albrecht V. von Bayern zum 100-jährigen Gründungsjubiläum der Universität Ingolstadt bei Mielich in Auftrag gab. Das Gemälde wird dominiert von den Figuren im Vordergrund: Christus blickt, die Rechte zum Segen erhoben, hinab auf einen vor ihm kauernden Mann. Diesen weisen Lepraklapper, Hut und Bettelschale als Leprakranken aus, auch wenn wir an seinem Körper keine Zeichen der Krankheit entdecken. Er gehört wohl zu den sechs mit Bettelsäcken ausgerüsteten Männern, die hinter ihm durch das Bild gehen. Diese tragen ebenfalls große Hüte und eine weite Tracht, die nur das Gesicht frei lässt. Drei weitere nähern sich schon den am Wegesrand stehenden Häusern – vermutlich mit der Bitte um eine milde Gabe. Das Ziel der Gruppe dürfte die Stadt im Hintergrund sein. Wer weiß, vielleicht erwartet sie dort eine ähnlich gute Versorgung wie bei dem jährlichen Sondersiechen-Almosen in Nürnberg?

Für Hans Mielich waren bettelnde Leprose, die sich den Wohnungen der Gesunden näherten, Mitte des 16. Jahrhunderts offensichtlich ein vertrauter Anblick. Die frühneuzeitliche Gesellschaft hatte gelernt, die Ausgrenzung der Kranken durch fein regulierte Ausnahmen zu justieren. Aus dem unbarmherzigen „Aussetzen“ wurde so ein „Miteinander auf Distanz“, ein Leben mit der Lepra – so wie auch wir gerade lernen, unseren Alltag mit Covid-19 zu gestalten. Etwa heute Abend um 18 Uhr im Ingolstädter Münster.

Autor/in:
Prof. Dr. Fritz Dross
Institut für Geschichte und Ethik der Medizin
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Prof. Dr. Marion Maria Ruisinger
Deutsches Medizinhistorisches Museum Ingolstadt

Wir danken der Ingolstädter Münsterpfarrei für die Erlaubnis zur Verwendung der Abbildung!

Literatur:
Ruisinger, Marion / Dross, Fritz: Krisenzeiten. Pest, Lepra und ihre Patrone. In: Marion Ruisinger (Hg.): Heilige und Heilkunst. Katalog zur Ausstellung. Ingolstadt 2009, S. 23-28 (= Kataloge des Deutschen Medizinhistorischen Museums Ingolstadt 33) link zur pdf

Veröffentlicht in der Galerie Covid-19 & History am 4.5.2020

Anatomiestraße 18 – 20 · 85049 Ingolstadt · (0841) 305-2860 · Fax -2866 · E-Mail: dmm@ingolstadt.de