ALLES MUSS RAUS!
Körperliche Hinterlassenschaften.
Jeden Monat neu!
Die Stadt Ingolstadt hat knappe Kassen. Deswegen mussten wir die für das Frühjahr 2026 geplante Jahresausstellung um ein Jahr verschieben.
Wir wollten die Türe zur Ausstellung aber nicht ganz schließen. Und so haben wir ein Format entwickelt, das Ressourcen schont und trotzdem Spaß macht: Die Ein-Vitrinen-Ausstellung „Alles muss raus!“ Die Finanzierung dieses Projekts verdanken wir der Gesellschaft der Freunde und Förderer des Deutschen Medizinhistorischen Museums Ingolstadt e. V.
Hier präsentieren wir witzige und überraschende Objekte aus unserer Sammlung, die alle mit menschlichen Hinterlassenschaften zu tun haben. Diese Vitrine wird jeden Monat neu bestückt. Kommen Sie wieder, es lohnt sich!

MILCHZÄHNE | März
Die milchig weißen Zähne (daher ihr Name) sind nicht groß genug
für den Kiefer eines Erwachsenen. Sie müssen größeren, bleibenden
Zähnen Platz machen. Während diese sich langsam in Richtung Zahnleiste vorschieben, lösen sie die Wurzeln der vor ihnen liegenden Milchzähne auf. Diese beginnen zu wackeln und fallen heraus. Im Jahr 1847 ließ die englische Königin Victoria den Schneidezahn ihrer Tochter in einer goldenen Brosche fassen. Damit löste sie einen Trend aus, der bis zum Ersten Weltkrieg anhielt. Die hier gezeigte Brosche gab die Mutter eines 1895 geborenen Mädchens in Auftrag.

Darminhalt | April
Ein träger Darm bereitet vielen Menschen Sorgen. In früheren Zeiten wurden hartnäckige Verstopfungen sogar als Auslöser für Erkrankungen wie die Melancholie gedeutet. Nach gängiger Meinung führten unverdaute Nahrungsreste zu einer gefährlichen Ansammlung fauliger Stoffe, die den ganzen Körper vergiften konnten. Also griff man gerne und häufig zum Klistier. Als eines der medizinischen Allheilmittel dieser Zeit sollte es die angestauten Kotmassen beseitigen und Körpersäfte wieder in Fluss bringen. Die aus dem Alltag vertrauten Klistierszenen waren auch beliebte Motive in der Kunst.

Blähungen | Mai
Obwohl Richard Kirchhoff kein Arzt, sondern Architekt war, beschäftigte er sich intensiv mit Verdauungsproblemen. Er stellte die These auf, dass sich schädliche „Blähungsansammlungen“ bilden , wenn der Darm träge ist, der Inhalt darin liegen bleibt und fault. Um diese Gase auszuleiten, entwickelte er 1930 das „Mello“. Hierbei handelte es sich um ein gebogenes Hartgummi-Röhrchen mit Löchern. Es wurde in den After eingeführt und den ganzen Tag oder die ganze Nacht über getragen. So konnten hartnäckige Blähungen geräusch- und relativ geruchlos aus dem Körper entfernt werden.

Auswurf | Juni
„Bitte nicht auf den Boden spucken!“ – an diese eindringliche Warnung erinnern sich vor allem unsere (Ur-)Großeltern, wenn sie im öffentlichen Raum von einem heftigen Hustenreiz befallen wurden und sich rasch eines zähen Schleimbatzens entledigen mussten. Jüngere Generationen verbinden damit wohl eher die COVID-19-Pandemie, in der die Infektionsangst allgegenwärtig war und überwunden geglaubte Hygieneregeln wie Abstandhalten oder Husten in ein Taschentuch erneut ins Bewusstsein rückten.

Muttermilch | Juli
Ein besseres Nahrungsmittel können sich Babys nicht wünschen. Muttermilch ist perfekt auf ihre Bedürfnisse abgestimmt. Wenn das Stillen vorübergehend unterbrochen werden muss, aber der Milchfluss nicht versiegen soll, kann eine Milchpumpe Abhilfe schaffen. Der gläserne Sauger aus dem 18. Jahrhundert diente nicht nur dazu, dass die Frau über das gebogene Rohr die Milch ansaugen konnte; mit seiner Hilfe konnte sie auch die Brustwarze hervorziehen, wenn Schlupfwarzen das Stillen erschwerten.

Säuglingsstuhl | August
Der Blick in die Windel will gelernt sein. Das zumindest war die feste Überzeugung von Dr. H. Roeder. Als Arzt an der Berliner Kinderklinik unterrichtete er auch zukünftige Ärzte und Pflegekräfte. Gemeinsam mit dem Berliner Wachskünstler Fritz Kolbow entwickelte er um 1900 täuschend echte Nachformungen von Säuglingsstühlen. So entstand eine Modellserie mit einer großen Bandbreite von Säuglingsstühlen, vom gesunden Stuhl des Brustkindes bis hin zu Darmausscheidungen bei schweren Erkankungen. Diese Modelle wurden über das „Berliner Medicinische Waarenhaus“ als Lehrmittel vertrieben.

