Medicina in nummis

Die Numismatisch-Phaleristische Sammlung des Deutschen Medizinhistorischen Museum umfasst verschiedene Teilsammlungen. Die umfangreichste Gruppe bilden die Medaillen von Ärzten aus dem 19. und frühen 20 Jahrhundert. Einen weiteren Schwerpunkt stellt ein Marken-Konvolut zur Pockenimpfung aus dem 18. und 19. Jahrhundert dar. Die Orden und Ehrenzeichen in der Sammlung stehen größtenteils in Zusammenhang mit den beiden Weltkriegen. In der Mitte des 20. Jahrhunderts wurden sie durch Berufsabzeichen abgelöst. Gleichzeitig entstanden broschierte Erinnerungsabzeichen an medizinhistorische Kongresse und medizinhistorische Museen. 
Die Sammlung weist eine große Materialvielfalt auf: Neben textilen Annähzeichen finden sich Biskuit- und Böttcher-Porzellan, gepresste, geprägte und gegossene (Edel-)Metalle und diverse Kunststoffe. Zu den größten und schwersten Objekten gehören die gegossenen Plaketten und Medaillons sowie auf Holz montierte und gravierten Metallplatten. Zu den leichtesten gehören Banknoten, die neben den vereinzelten Münzen der Sammlung die überregionale Bedeutung der darauf dargestellten Personen und Erfindungen repräsentieren.

Inventarisierungsprojekt Medicina in nummis
Die Sammlung wurde 2017 bis 2019 im Rahmen eines wissenschaftlichen Volontariates von der Kunsthistorikerin Maren Biederbick M.A. gesichtet, (nach)inventarisiert, erweitert und kuratiert. Mehr...
Findlisten zur Sammlung Medicina in nummis als pdf zum Download (Stand 3/2019)

Silbermedaille 1781

Medaillen und Münzen – ein zweiseitiges Porträt mehr...
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Militaria und Berufsabzeichen mehr...
Erinnerungsstücke medizinhistorischer Museen und Kongresse mehr...

Medaillen und Münzen – ein zweiseitiges Porträt

Das Spannende findet sich oft auf der Rückseite. Medaillen haben anders als Münzen keinen Zahlungswert. Sie dienen einer Erinnerungskultur. Sie sind Bildträger für das Porträt einer herausragenden Persönlichkeit. In der Sammlung des Deutschen Medizinhistorischen Museums in Ingolstadt befinden sich ca. 150 numismatische Objekte. Es handelt sich dabei vor allem um Gedenkmedaillen aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Sie sind zu Ehren von Ärzten entstanden, die damit Eingang in eine Dingwelt fanden, deren Ursprung bis in das 15. Jahrhundert zurück reicht.

Im Jahr 1438 fertigte Pisanello erstmals eine solche Porträtmedaille an. Sie zeigt auf der einen Seite das Profil einer Person. Auf der anderen Seite finden sich weitere, bildliche Information zu dem Porträtierten. Der Künstler griff damit auf eine Tradition der römischen Antike zurück. Herrscher wie Augustus und Titus hatten ihren stilisierten Kopf auf Münzen prägen lassen, auf deren Kehrseite, dem „Revers“, sich ebenfalls ein Bild befindet. Diese Darstellungen bestanden zumeist aus zwei bis drei Motiven. Zu einem neuen Zeichen verwoben, symbolisierten sie in nonverbaler Form die politischen Absichten des abgebildeten Herrschers. Dadurch wurde Geld zu einem Kommunikationsmedium, das die Herrschenden über die Grenzen ihres Reiches hinaus bekannt machte. In der Frührenaissance weckte die antike Bildsprache das Interesse der Künstler und Humanisten. Sie entwickelten daraus „Impresen“, persönliche Zeichen, die aus ähnlichen Bildkompositionen und einem kurzen Motto bestehen. Bald hatten Päpste, Kaiser, Könige, Herzöge, Heerführer, Söldner, Gelehrte, Verliebte und auch Frauen eigene Impresen. Individuell konzipiert, wurden diese Zeichen vielerorts zur Schau getragen. Manche Bedeutungen waren öffentlich, manche privat. Nach dem Vorbild der Antike boten Münzen, aber auch die neuen Gedenkmedaillen, ein gutes Medium für die Verbreitung von Impresen. Als Bildträger zeigen Medaillen damit oft ein zweifaches Porträt: die Physiognomie einer Person auf dem Avers, ihren Charakter auf dem Revers.

Zu Beginn der Moderne, das lässt sich anhand der Medicina in nummis-Sammlung im Museum nachvollziehen, hat sich dieses Rückseiten-Konzept gewandelt. Noch immer gibt es die Imprese, doch sie wird nur selten voll aus einem Bild- und einem Textbaustein gebildet. Häufiger ist nur ihr Text, die „Devise“, wiedergegeben. Sie gab übrigens auch dem damals neuen Zahlungsmittel, der Banknote, ihren Namen. Gerne rahmte man den Devisenspruch auf dem Revers mit einem Laubzweig ein. Optisch ähnlich, aber inhaltlich neu, entsteht im 19. Jahrhundert eine Rückseitengestaltung durch reine Fakten: Lebensdaten, Jubiläen, Widmungen.

Während im ausgehenden 18. Jahrhundert europäische Souveräne Medaillen und Münzen prägen ließen, auf deren Revers sie sich für den medizinischen Fortschritt einsetzen, gaben Ärzte ihre Medaillen üblicherweise nicht selbst in Auftrag. Sie wurden in Erinnerung an sie geschaffen und einer anderen Person zu Ehren verliehen. Ähnlich verhält es sich mit den institutionellen Medaillen von Akademien und Universitäten. Der Bezug zur Medizin erschließt sich hier nicht immer auf den ersten Blick. Manchmal liegt er auch in der Provenienz der Objekte, die aus dem Besitz von Ärztinnen oder Ärzten stammen.

Impfmedaillen

Ein besonderes Highlight der Sammlung ist eine Gruppe von 42 unterschiedlichen Medaillen und Marken aus dem 18. und 19. Jahrhundert, in denen die Einführung der Schutz- und Kuhpockenimpfung in Europa gefeiert wird. Neben einem zierlichen goldenen Medaillen-Anhänger von Katharina der Großen findet sich hier eine Silbermedaille von Maria Theresia und eine fast handtellergroße Bronzemedaille von Friedrich Wilhelm III. Napoleon taucht gleich drei Mal auf, in Bronze, Silber und Gold (alle Inv.-Nr. 97/080). Entstanden über einen Zeitraum von 100 Jahren, lässt sich an ihnen der bildliche Wandel von der Inokulation zur Vakzination gut nachvollziehen. Eine interessante Ergänzung bildet ein ebenso großes Konvolut zur Polio-Impfung von 1973. Es handelt sich dabei allerdings um 42 identische Impftaler (Inv.-Nr. 97/079). Sie sind Beleg einer groß angelegten PR-Kampagne im bayerischen Gesundheitswesen.

Anatomia et Pestilentia in nummis

Von diesen thematischen Untergruppen der Medicina in nummis finden sich bislang nur wenige Exemplare in der Sammlung. Sicher kann die Preismedaille „Praemium anatomicum“ von Herzog Carl Theodor zur Anatomia in nummis gezählt werden (Inv.-Nr. 84-AO-1). Sie wurde im Jahr 1781 von Professor Leveling im Ingolstädter Theatrum anatomicum als Auszeichnung an die drei besten Anatomiestudenten verliehen. Im weitesten Sinne zählen hierzu auch die Darstellungen des Ingolstädter Anatomiegebäudes auf einigen Medaillen der Sammlung.

Zur Pestilentia in nummis gehört beispielsweise die Medaille auf die Überwindung der Cholera in Wien 1832 (Inv. AB/3545). Aber auch die „Hungertaler“ zu den Jahren 1816 und 1922 dürfen dazu gerechnet werden (Inv.-Nr. 18/048). Sie zeigen eine genauso schwerwiegende und große Teile der Bevölkerung betreffende humanitäre Katastrophe wie Seuchen es sind. Eine besondere Erwähnung verdienen hier die Hungertaler-Exemplare aus dem Jahr 1816. Dabei handelt es sich um Steckmedaillen, bei deren Öffnung sich ein girlandenähnlichs Leporello entfaltet, das in Bild und Text das Hungerjahr 1816 und die reiche Ernte von 1817 anschaulich schildert (Inv.-Nr.n 16/077 und 18/047).

Militaria und Berufsabzeichen

In der phaleristischen Teilsammlung befinden sich derzeit ca. 40 Auszeichnungen aus drei Jahrhunderten. Ihnen gemein ist, dass sie an Menschen in medizinischen Berufen verliehen wurden. Anhand der Abzeichen ist dabei die Verteilung und Verschiebung der Geschlechterrollen ablesbar. So stehen die Ehrungen und Verdienste immer in dem jeweiligen Kontext ihrer Zeit. Sie sind zum einen funktionales Erkennungszeichen, aber zum anderen auch Ausdruck politischer Propaganda. Diese Objektgruppe reicht von einer Baderplakette aus dem Jahr 1712 (Inv. 06/021) über Epauletten eines bayerischen Assistenzarztes (Inv.-Nr. AB/3519), diversen Verdienstkreuzen des 1. Weltkrieges und Mutterkreuzen der Nationalsozialisten, bis hin zur ADAC-Plakette für das Arzt-Auto Mitte des 20. Jahrhunderts (Inv.-Nr. 99/030) und zur Anstecknadel für die Arzthelferin von 1972 (Inv.-Nr. 18/090).

Erinnerungsstücke medizinhistorischer Museen und Kongresse

Eine das Museum selbst reflektierende Gruppe bilden die über 20 Besucher- und Teilnehmermarken, die zum Teil nur einseitig geprägt und rückseitig broschiert wurden. Erstere sind in ihrer formalen Gestaltung modischen Accessoires angenähert und entspringen der Wechselwirkung aus Souvenirwunsch des Besuchers und Marketingstrategie der Einrichtung. Vom Deutschen Medizinhistorischen Museum in Ingolstadt sind jeweils zwei Exemplare einer solchen Ansteck-Erinnerung verwahrt. Auffällig viele unterschiedliche Motive belegen indes die Kreativität des Museums Historiae Medicinae in Riga.

Kongressmarken hingegen sind Sonderanfertigungen, die an spätmittelalterlichen Badges orientiert sind. In limitierter Anzahl wurden sie an einen geschlossenen Kreis ausgegeben, der sich ähnlich einem Ritterorden zu einem bestimmten Ziel zusammengefunden hat. Diese Marken zeigen im Allgemeinen (wie die Museumsanfertigungen) einen Ort oder (wie die Medaillen der Akademien) eine mythologische Vorbildfigur. Sie dokumentieren über Jahrzehnte hinweg die internationalen Zusammenkünfte der jeweiligen wissenschaftlichen Community, die sich jedes Mal in einem anderen Land Europas traf und austauschte.

Text: Maren Biederbick M.A.
Letzte Änderung: 26.3.2019

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