Prävention V

Proteste gegen die obrigkeitliche Seuchenbekämpfung | Unser Leben hat sich in den letzten Monaten drastisch verändert. Wir mussten den bislang selbstverständlichen – und für eine funktionierende Gesellschaft so wichtigen – direkten Umgang mit unseren Mitmenschen stark einschränken. Das aufeinander abgestimmte ökonomische Wechselspiel von Angebot und Nachfrage ist aus dem Gleichgewicht geraten. Der tägliche Check beim Verlassen der Wohnung umfasst nun neben Hausschlüssel und Geldbeutel auch die Mund-Nasen-Schutzmaske.

Die Presse berichtet immer häufiger von öffentlichen Protesten gegen die mit der Covid-19-Prävention einhergehende Einschränkung demokratischer Grundrechte. Dazu kommt die Hoffnung auf eine Impfung, die von der Kritik an einer möglichen Impfpflicht begleitet wird. In den sozialen Medien wird dieses Phänomen noch deutlicher: Covid-19 polarisiert die Gesellschaft. Doch eigentlich ist es nicht die Krankheit, die viele aufbegehren lässt. Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung hat Covid-19 in Deutschland bisher selbst erleben müssen. Uns wird vielmehr die Prävention zur Last. Denn die damit einhergehenden Maßnahmen betreffen uns alle.

Eine Illustration aus einer deutschsprachigen Zeitschrift von 1884 zeigt auf den ersten Blick eine ähnliche Situation: Menschen begehren gegen das Eingreifen der Obrigkeit in Seuchenzeiten auf. Eine junge Frau klammert sich verzweifelt an eine Krankenbahre. Neben ihr ist ein Obstkorb umgefallen, über ihr ragt malerisch ein zerfetztes Sonnensegel in die Szene. Polizisten nähern sich, um die Krankenbahre mitzunehmen und ins Choleraspital zu bringen. Wir blicken hier auf eine Straßenszene in Neapel, wo es während der fünften Cholera-Pandemie im Jahr 1884 zu Aufständen kam, die europaweit für Schlagzeilen sorgten. Der Künstler hat sich in diesem Fall für eine romantisierende Detaildarstellung entschieden. Es gibt aber auch Abbildungen von großen, aufgebrachten Menschenmengen. In anderen europäischen Städten, die unter derselben Pandemie litten, etwa in Paris und Hamburg, gab es keine vergleichbaren Szenen. Was also war die Ursache für die Wut und die Verzweiflung, die sich hier in Neapel entluden?

Der Historiker Frank Martin Snowden hat dieser Frage 1995 ein eigenes Buch gewidmet: „Naples in the Time of Cholera 1884–1911“. Das Aufbegehren der Neapolitaner, so Snowden, richtete sich zwar vordergründig gegen die Choleramaßnahmen der Obrigkeit, wurzelte aber viel tiefer. Neapel war damals die größte Stadt Italiens. Sie litt unter Überbevölkerung, in den Armenvierteln lebten die Menschen unter unzumutbaren Bedingungen, viele waren gezwungen, sich auf illegalen Wegen ihren Lebensunterhalt zu verschaffen. Auf der anderen Seite der sozialen Schere gab es eine reiche Oberschicht, die sich einflussreiche Ämter zuschanzte, ohne über entsprechende Qualifikationen zu verfügen. Ihre medizinische Betreuung lag in den Händen arroganter Ärzte, die sich vom einfachen Volk distanzierten. Dazu kam das Misstrauen vieler NeapolitanerInnen gegenüber den nördlichen Gegenden Italiens, wohin seit 1861 auch die Steuern aus Neapel flossen.

Als die Cholera sich, von Südfrankreich kommend, nach Italien ausbreitete, wütete sie auch in den Armenvierteln von Neapel. Die Stadtverwaltung setzte auf einen harten Zugriff durch die Polizei, um Erkrankte in die Choleraspitäler zu bringen – und stieß dabei auf starken Widerstand in der Bevölkerung, so wie das auch in dieser Illustration gezeigt wird. Die BewohnerInnen der Armenviertel misstrauten der Obrigkeit. Sie befürchteten, dass ihre kranken Familienangehörigen nicht mehr lebend aus den Krankenhäusern zurückkommen würden. Diese Befürchtung wurde nicht nur durch die offensichtliche Hilflosigkeit der Ärzte genährt, sondern auch durch Gerüchte von therapeutischen Experimenten, die in den Choleraspitälern durchgeführt würden. Wenig Vertrauen erweckte auch die Tatsache, dass die Ärzte sich selbst uneins waren – die einen vertraten die alte Miasmalehre, die anderen glaubten an die Keimtheorie von Robert Koch.

Ein Gerücht machte die Runde: Die Cholera sei eine teuflische Verschwörung, die das Ziel habe, die Armen zu vergiften. Die hochnäsigen Ärzte seien mit dem Vollzug dieser Massenvergiftung beauftragt. Aus dieser Gemengelage heraus kam es im Cholerajahr 1884 mehrmals zu größeren Aufständen in Neapel. Fehlinformationen sind in Seuchenzeiten besonders gefährlich, weil sie die durch die Seuchengefahr bereits verunsicherte Gesellschaft schnell polarisieren und bereits vorhandene Konflikte schüren. Das wird aus diesem Beispiel deutlich – und das lässt sich, wie eingangs bemerkt, auch heute beobachten.

Autorinnen:
Theresa Fehlner M.A.
Prof. Dr. Marion Ruisinger
Deutsches Medizinhistorisches Museum Ingolstadt

Literatur:
- Snowden, Frank M.: Naples in the Time of Cholera 1884-1911. Cambridge 1995
- McNeill, William H.: Rezension von Frank M. Snowden, Naples in the Time of Cholera. In: Bulletin of the History of Medicine 71 (1997), link (Zugriff: 14.5.2020)

Veröffentlicht in der Galerie „Covid-19 & History“ am 15.5.2020

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