Maiglöckchen
Maiglöckchen im Arzneipflanzengarten (Foto: Maren Biederbick)

Maiglöckchen, Convallaria majalis L.| Die Maiglöckchen wachsen in halbschattigen, trockenen Laubwäldern von Europa bis Asien. Beim Waldspaziergang fallen sie zuerst durch ihren betörenden, süßen Duft auf. Dann erst bemerkt man die weißen, glockenförmigen Blüten. Sie wachsen einseitswendig an einem dreikantigen Stängel, der von 2, seltener von 3 gestielten, lanzettlichen, dunkelgrünen Blättern eingefasst wird.

In den Schriften der Antike kommt das Maiglöckchen nicht vor. In dem 1491 gedruckten „Hortus sanitatis“ von Jakob Meydenbach findet sich erstmals eine farbige Abbildung des Maiglöckchens unter dem Namen „Lilium convallum“ (Lilie der Täler). In den folgenden Jahrzehnten wird es in verschiedenen Kräuterbüchern erwähnt, so auch bei Leonhart Fuchs. Er empfahl das Maiglöckchen für die unterschiedlichsten Probleme, von „Würm im Leib“ über den Biss des „wütenden Hunds“ bis hin zu Augenleiden.

Der starke Duft des Maiglöckchens wurde von den frühen Ärzten als sicherer Hinweis auf ihre herzstärkende Wirkung gedeutet. So wurde die Pflanze u.a. von der russischen Landbevölkerung traditionell bei verschiedenen Erkrankungen des Herzens angewendet. Im 19. Jahrhundert bestätigte sich diese Zuschreibung, als im Maiglöckchen herzwirksame Glykoside entdeckt wurden. Der Heidelberger Chemiker Walz nannte den 1858 von ihm identifizierten Wirkstoff „Convallamarin“. Dies führte zur Aufnahme von Zubereitungen der Pflanze in europäische Arzneibücher.

Heute wissen wir, dass im Maiglöckchen verschiedene herzwirksame Glykoside zu finden sind, u.a. Convallatoxin, Convallosid und Convallatoxol. Daher ist die gesamte Pflanze giftig – auch ihre leuchtend roten Früchte. So lecker diese auch aussehen, ist die Gefahr einer Vergiftung für naschende Kinder doch relativ gering, weil sie recht bitter schmecken. Dagegen kommt es durch die Ähnlichkeit der Blätter mit dem Bärlauch jedes Jahr zu folgenschweren Verwechslungen. Die Vergiftungssymptome sind Übelkeit und Erbrechen, Blutdruckanstieg und Herzrhythmusstörungen.

Das Pulver der Blüten erzeugt Niesreiz und war früher in diversen Schnupftabaken enthalten. Heutzutage ist dies allerdings verboten. Das Maiglöckchen wird in der Phytotherapie nur noch bei leichteren nervösen Herzbeschwerden verwendet. Zudem wird aus den frischen oberirdischen Teilen des Maiglöckchens zur Blütezeit im Mai das homöopathische Mittel „Convallaria majalis“ hergestellt.

Maiglöckchen symbolisieren mit ihren weißen Glöckchen und ihrem süßen Duft Reinheit, Aufrichtigkeit und die erwachende Liebe. Dieser einzigartige Duft wird seit jeher in einer Vielzahl von Parfums eingefangen. Der eigentliche Duftstoff, das Bourgeonal, hat allerdings keinerlei medizinische Wirkung. Wer Maiglöckchen gerne im Garten pflanzen möchte, sollte sie im Handel erwerben und nicht im Wald ausgraben, denn die Maiglöckchen stehen unter Naturschutz.

geschrieben von Apothekerin Sigrid Billig als „Gartenvisite auf Distanz" für Dienstag, den 26.5.2020

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