Rundgang durch die Ausstellung
Blick in die Sattlerei der Firma Kaspar Berg, Nürnberg, 1930er Jahre

Herkunft und Herstellung
Der Medizinball kommt aus dem Boxtraining in den USA. Erfunden hat ihn der Weltklasse-Ringer William Muldoon. In Deutschland wurde er nach dem Ersten Weltkrieg bekannt. Hier machte er eine rasante Karriere zum beliebten und weit verbreiteten Sportgerät. Verantwortlich war dafür vor allem Hans Surén, Begründer der "Deutschen Gymnastik" und seit 1919 Leiter der Heeresschule für Leibesübungen.
Die Nachfrage nach den schweren Bällen stieg stetig an. Zu den Käufern gehörten Vereine genauso wie Familien. Die Sportindustrie reagierte schnell auf diese Entwicklung und nahm die Medizinbälle bald in ihre Produktpalette auf. Die teuersten Bälle waren aus Rindsleder genäht und mit Rentierhaaren gefüllt, billigere bestanden aus Segeltuch.

Übungen mit dem Medizinball

Sport
Der Medizinball hatte sich nach dem Ersten Weltkrieg in den „leibesübungtreibenden Kreisen” als Sportgerät etabliert. Männer, Frauen und Kinder benutzten ihn im Freien, in der Sporthalle und zuhause. Der Ball was schwer und groß. Deshalb trainierte er den gesamten Körper. Die Übungen kräftigten die Muskeln, das Skelett und sogar die inneren Organe. Beim Mann sollten vor allem Geschicklichkeit, Kraft, Ausdauer und Schnelligkeit gefördert werden. Frauen sollte die Arbeit mit dem Medizinball Kraft und Geschmeidigkeit geben, ihren Körper biegsam machen und ihm Anmut und Schönheit verleihen. Betont wurde dabei die Kräftigung der für die Geburt notwendigen Bauch- und Beckenmuskulatur. Auch Kinder wollte man durch einfache Übungen an den Medizinball heranführen.

 

Bilder aus der Lichtbild-Reihe „Tuberkulose“ des Deutschen Hygiene-Museums Dresden, um 1930

Medizin
Der Medizinball hielt ab 1920 auch Einzug in die Medizin. Der Ball wurde in der Therapie, in der Rehabilitation und in der Prophylaxe von chronischen Krankheiten eingesetzt. Die Medizin hatte nicht mehr ausschließlich den einzelnen Kranken im Blick, sondern die gesamte Bevölkerung. Der „Volkskörper” sollte geheilt, vor Krankheiten bewahrt und gesund erhalten werden. Die Devise war nicht mehr Ruhe und Schonung, sondern Bewegung und Kräftigung.
Die Anwendungsgebiete des Balles waren vielfältig. Die Übungen sollten bei Rückgratverkrümmungen und anderen Körperschwächen helfen. Eine der verbreiteten Krankheiten in dieser Zeit war die Lungentuberkulose. Die Übungen sollten die Lungen kräftigen, um so die Heilung zu unterstützen und vor Ansteckung zu schützen.

Massenturnen bei der Olympiade, Riefenstahl 1937

Politik
Nach dem Ersten Weltkrieg war die deutsche Bevölkerung in einer schlechten körperlichen Verfassung. Deswegen sollten „Leibesübungen” für alle Bürger zur Pflicht werden. Dabei ging es nicht um die Gesundheit des Einzelnen. Der ganze „Volkskörper” sollte gesund und kraftvoll werden. Das erklärte Ziel waren wehrtüchtige Männer, gebärfähige Frauen und Kinder, die gesund für die Zukunft waren. Der Medizinball wurde in dieser Zeit ein beliebtes Gerät. Die Übungen sollten zur allgemeinen Kräftigung führen. Die Nationalsozialisten übernahmen diese Ideale. Propaganda-Veranstaltungen mit gesunden, kraftvollen Menschen wurden organisiert. Der Einzelne verschwand dabei in der Masse. Besonders beeindruckend war die Eröffnungsveranstaltung der Olympiade 1936 in Berlin.

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