Waldmeister
Waldmeister im Arzneipflanzengarten (Foto: Claudia Rühle)

Waldmeister, Galium odoratum | Im Wonnemonat Mai darf eine Pflanze nicht fehlen: der Waldmeister. 1771 gab ihm der italienische Arzt und Naturforscher Giovanni Antonio Scopoli den Namen Galium odoratum.

Der Waldmeister ist eine sehr gesellige Pflanze, die sich in lockeren Teppichen ausbreitet. Er wächst gerne auf kalk- und stickstoffreichen Böden in schattigen und feuchten Buchen- und Nadelwäldern. Man findet ihn von Europa bis Asien. An den vierkantigen Stängeln sind quirlig die lanzettlichen Blätter angeordnet. Die kleinen Blüten sind weiß, laufen trichterförmig zusammen und stehen in lockeren Trugdolden zusammen. Die Blütezeit dauert von Ende April bis in den Juni hinein.

Wenn man von oben auf die Blüten schaut, erinnern sie an ein Kreuz. Dazu gibt es eine Anekdote: Als der Schweizer Pfarrer Johann Künzle in den weißen Blüten des Waldmeisters das Symbol des Kreuzes erblickte, nahm er das als ein göttliches Zeichen. Er versprach den Schweizern, dass Gott sie nicht verlassen werde, solange sie sein Kreuz hochhielten. So sei das eidgenössische Kreuz in die Schweizer Fahne gekommen...

 Aus der befruchteten Blüte entstehen kleine Klettfrüchte mit Widerhaken, die an vorbeistreifenden Tieren hängen bleiben. So wird der Waldmeister auch über größere Entfernungen verbreitet. Er wuchert aber auch durch unterirdische Ausläufer.

Wie erntet man Waldmeister richtig? Waldmeister wird kurz vor der Blüte gesammelt. Viele sind erst einmal sehr enttäuscht, wenn sie am Waldmeister riechen und nichts von dem typischen Geruch wahrnehmen, der schon in seinem lateinischen Namen „odoratum“ (duftend) zu finden ist. Da nützt auch kein Reiben der Blätter. Der typische Waldmeister- Geruch entsteht nämlich erst beim Welken der Pflanze, wenn sein Inhaltsstoff Melilotosid zu Cumarin abgebaut wird. Cumarin ist für den sehr intensiven, vanilleähnlichen, würzig-süßen Duft verantwortlich, den man zum Aromatisieren von Speisen und Getränken verwenden kann. Von Maibowle und Berliner Weiße mit Schuss bis zur Götterspeise und Waldmeister-Torte sind der Phantasie hier keine Grenzen gesetzt.

Aber Vorsicht! Auch hier trifft die Warnung des Paracelsus zu: „Die Dosis macht das Gift“. Für die Bereitung einer Maibowle sollte man nicht mehr als 3 Gramm frisches Waldmeisterkraut pro Liter verwenden. Bei zu hoher Dosis verursacht Cumarin heftige Kopfschmerzen und Magenbeschwerden. Dazu vermutet man bei chronischer Verwendung die Entstehung von Tumoren. Deshalb ist seit 1981 die gewerbliche Herstellung von Waldmeister-Essenzen für Genusszwecke verboten.

In der Medizin macht man sich die gefäßstabilisierenden und antiödematösen Eigenschaften des Cumarins zu Nutzen und verwendet Extrakte zur Behandlung von Venenerkrankungen. Volksheilkundlich kommt es bei Unruhezuständen, Nervosität und Schlaflosigkeit zum Einsatz. So war der Waldmeister früher oft Bestandteil des „Frauenbettstrohs“, das Wöchnerinnen und ihren Babys mit anderen Kräutern in die Strohmatratze gelegt wurde, um durch seine beruhigende Wirkung Mutter und Kind zu entspannen. Man verwendete es aber auch bei Herzbeschwerden und Lebererkrankungen. Daher finden sich auch volkstümliche Namen wie: Herzfreund, Leberkraut, Sternleberkraut, aber auch Maikraut, Duftlabkraut, Waldleberkraut und viele mehr.

Zu guter Letzt noch ein einfaches Rezept für eine Maibowle:

1 Liter Weißwein mit 4 Esslöffeln Zucker und einem Sträußchen (welken!) Waldmeister ziehen lassen. Nach einer halben Stunde (maximal zwei Stunden!) den Waldmeister entfernen und alles im Kühlschrank kaltstellen. Bio-Zitronen in Scheiben schneiden und ins Gefrierfach legen. Erst kurz vor dem Servieren mit einem halben Liter kaltem Sekt auffüllen und die Zitrone dazugeben.

Für eine alkoholfreie Alternative einfach den Weißwein gegen Apfelsaft austauschen und statt Sekt mit Mineralwasser aufgießen.

geschrieben von Apothekerin Sigrid Billig als „Gartenvisite auf Distanz" für Dienstag, den 19.5.2020

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