Soziale Distanz
Holzschnitt eines Leprösen mit Lepraklapper aus Sebastian Münster: Cosmographia, Basel 1544 | Lepramuseum Münster-Kinderhaus, Inv.-Nr. 1544SebMün-01

Holzklapper zur akustischen Warnung vor Leprakranken | Dieser Holzschnitt stammt aus der 1544 veröffentlichten „Weltbeschreibung“ (Cosmographia) des Universalgelehrten Sebastian Münster. Er zeigt einen Leprakranken mit seiner „Lepraklapper“. Dabei handelte es sich um ein Holzinstrument mit Griff, einem fest stehenden Holzbrett und mindestens zwei beweglichen Holzbrettern oder kurzen Holzlatten, die beim Schlagen ein lautes Klappern erzeugten. Sebastian Münster illustrierte damit seinen Bericht über die angebliche Brunnenvergiftung in Südfrankreich durch Leprakranke, die 1322 ein Pogrom gegen Leprakranke zur Folge hatte.

Die Lepraklapper war ein Objekt der sozialen Distanzierung. Seine Benutzung war allen Leprakranken vorgeschrieben, sobald sich Gesunde näherten, um diese durch das akustische Signal zu warnen und auf Abstand zu halten. Man wusste, dass Lepra zu den ansteckenden Krankheiten gehört. Dass es eine bakterielle Infektion ist, wurde zwar erst 1873 nachgewiesen, aber eine Vorstellung von Übertragung durch „vergiftete Luft“ hatte man schon früher. Und nicht nur das. Auch eine zutreffende Vorstellung von Schmierinfektion hat es gegeben. In den Leprosenhospitälern war es den Leprakranken verboten, irgendetwas zu berühren, das auch die Gesunden berührten.

Dies war wichtig, denn in den Leprahospitälern lebten Gesunde und Kranke auf demselben Hofgelände. So beschäftigte das Leprosorium „Kinderhaus“ vor Münster dauernd einen Knecht und zwei Mägde. Der Küster der zugehörigen Kirche wohnte mit auf dem Hofgelände. Der Amtmann als Geschäftsführer war fast jeden Tag anwesend, weil er Lebensmittel brachte oder Handwerker anwies. Die Kirche besuchten die Kranken und auch Gesunde, jedoch in getrennten Bankreihen. Es war unter allen Beteiligten bekannt und eingeübt, körperlichen Abstand zu halten. Die Hausordnung schrieb den Leprakranken ausdrücklich vor, Gesunde nur gegen den Wind anzusprechen.

Der Holzschnitt aus der Cosmographia stellt den Abstand zwischen gesunder und kranker Person zu gering dar, weil der enge Bildrahmen nicht mehr Platz bot. Im 16. Jahrhundert wurde sehr genau verstanden, was das Bild sagt: Wenn der Leprakranke klappert, müssen die Beteiligten gebührenden Abstand halten. Das liest sich in der Kinderhauser Hausordnung aus Münster von 1558 in Artikel 48 so: „Wy wyllen und gebeyden, oeck by hoegester pehn, dath eyn yder leprosen, he sy man offthe frowe, de myth jemantz gesunden luden tho redden offthe tho sprecken heffth, emhe nycht uppeth lyff en lope …“ („Wir wollen und gebieten, auch bei höchster Strafe, dass ein jeder der Leprosen, er sei Mann oder Frau, der mit jemand von den gesunden Leuten zu reden oder zu sprechen hat, ihm nicht auf den Leib laufe …“).

Als uralte Krankheit hat die Lepra die Menschheit seit Jahrtausenden begleitet. Die Bibel nennt Vorschriften der Ausgrenzung von Betroffenen, aber auch der Wiederaufnahme. Die „Aussätzigen“ waren ursprünglich diejenigen, die wegen der Krankheit außerhalb der Siedlung wohnten, „außen Sitzende“. Im Zuge der europäischen Städtebildung im 12. Jahrhundert entstanden Leprosenhäuser vor den Städten. Die begonnene Praxis großer Städte wie Paris wurde kirchenrechtlich zur Norm, als das Dritte Laterankonzil 1179 beschloss und vorschrieb, dass jede Stadt außerhalb der Stadtmauer ein Leprosenhaus unterhalten musste. Dafür war ein eigener Seelsorger vorzusehen, weil die körperliche Versorgung mit Wohnung, Kleidung und Lebensmitteln ohne geistliche Versorgung (Gottesdienst, Seelsorge) für wertlos gehalten wurde. Die Leprosorien trugen zur Isolation der Kranken und auf lange Sicht zum Verschwinden der Krankheit bei. Die letzten Leprosorien konnten im 18. Jahrhundert aufgelöst werden. Das gelegentliche Verlassen ihres Leprosoriums war den Leprakranken stets nur nach Einholen einer Erlaubnis und nur unter Mitführung der Lepraklapper gestattet.

Nach wie vor haben viele Länder ein Lepraproblem. Weltweit gibt es jedes Jahr noch über 200.000 Neuerkrankungen. Es gibt gegen Lepra keine Impfung, aber die Krankheit kann durch Antibiotika ausgeheilt werden. Der großen Zahl der unbemerkt Infizierten steht eine relativ kleine Zahl Erkrankter gegenüber, da die meisten Infizierten gesund bleiben. Es ist wichtig, die Leprakranken zu finden und zu behandeln, da sie sonst zur Verbreitung der Lepra beitragen. In weiträumigen Kriegsgebieten kann sich die Lepra wieder ausbreiten, weil die Fallfindung unterbrochen ist.

Literatur:
- Sebastian Münster: Cosmographia, Basel 1544
- Barbara Krug-Richter: Zwischen Fasten und Festmahl. Hospitalverpflegung in Münster 1540 bis 1650, Stuttgart 1994

Autor:
Dr. Ralf Klötzer
Lepramuseum Münster-Kinderhaus
Gesellschaft für Leprakunde e.V.
Albrecht-Thaer-Straße 14
48147 Münster
www.lepramuseum.de

geschrieben am 25.3.2020

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