Schutzkleidung II
Sogenannte "Pestarztmaske", Datierung unklar | DMMI, Inv.-Nr. 02/222

Ein Objekt, das viele Fragen aufwirft | Alle kennen ihn, den Pestarzt mit der Schnabelmaske. Er ist heute das Symbol der Pest schlechthin. Doch welche Rolle spielte er früher wirklich? Die erstaunliche Antwort: So gut wie keine.

Es gibt keinen Beleg dafür, dass diese Art von Schutzkleidung bei der großen Pestepidemie des 14. Jahrhunderts, dem „schwarzen Tod“ verwendet wurde. Selbst bei den vielen Pestausbrüchen zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges wird sie an keiner Stelle erwähnt. Erst bei der Pest von Rom im Jahr 1656 taucht sie in den Quellen auf, und später auch bei der Pest von Marseille 1720-1723.

Die „Schnabelmaske“ spielte die längste Zeit überhaupt keine Rolle im Seuchengeschehen. Sie begleitete erst den Abgesang der Pest - und auch das nur in Italien und Südfrankreich. In Mitteleuropa gibt es keinen einzigen historischen Beleg dafür, dass Pestärzte ihre Schutzkleidung jemals durch einen „Lederschnabel“ ergänzt hätten.

Die Argumentation „ex negativo“ ist immer ein wenig schwierig. Es könnte ja sein, dass man die richtigen Quellen nur noch nicht entdeckt hat. Deswegen haben wir uns bei Kollegen rückversichert, die sehr viel Archivmaterial zur frühneuzeitlichen Seuchengeschichte gesichtet haben. Sie haben den Befund bestätigt: Die Pestarztmaske wird erst Mitte des 17. Jahrhunderts aktenkundig, und auch dann nicht in unseren Breiten.

Drei Fragen stellen sich nun:
1) Warum hat man sich überhaupt eine so skurrile Schutzkleidung ausgedacht?
2) Wie kann es sein, dass ein Motiv, das im kollektiven Erleben der Pest so gut wie keine Rolle spielte, sich nachträglich so stark in das kollektive Gedächtnis einschreiben konnte?
3) Was bedeutet das für die Pestarztmaske in der Sammlung des DMMI?

Zur ersten Frage: Von 1347 bis 1723 kam es immer wieder zu Pestausbrüchen in Europa. Das beste Mittel gegen die Pest war die Flucht, darin war man sich einig. Wer zu Pestkranken gehen musste, ließ Räucherwerk abbrennen und hielt sich einen mit Duftessig getränkten Schwamm vor die Nase. Im 17. Jahrhundert kamen Pestärzte in Italien und Frankreich auf die Idee, den Duftschwamm in einem ledernen Futteral vor der Nase zu befestigen, um ihre Hände frei zu haben. So entstand die „Schnabelmaske“.

Zur zweiten Frage: Das Motiv des Pestarztes wurde im 18. Jahrhundert (also erst NACH der Pest) durch Einblattdrucke populär gemacht, die vor allem in Nürnberg und Augsburg gedruckt wurden und sich über die merkwürdigen Gebräuche der ausländischen Ärzte lustig machten. Forschungen von Annemarie Kinzelbach zufolge könnte dahinter das Motiv gestanden haben, das jeweils eigene reichsstädtische Gesundheitswesen im Vergleich mit der „Hilflosigkeit der Südeuropäer“ glänzen zu lassen. Diese Bilder wurden in der Folge für bare Münze genommen und immer und immer wieder reproduziert, auch in vielen medizinhistorischen Werken. Dass das Motiv des Pestarztes mit der Schnabelmaske heute nicht nur global verbreitet ist, sondern sich sogar einer außergewöhnlichen Beliebtheit erfreut (wer dies nicht glaubt, möge einmal „plague mask“ in die google-Suche eingeben), liegt wohl daran, dass es uns zweifach entgegenkommt: Es bedient die weit verbreitete Vorannahme, dass die Ärzte früher hilflos, grob und von abergläubischen Praktiken geleitet gewesen seien, und es ist für uns zugleich intuitiv verständlich, weil wir uns bei Epidemien ja auch verhüllen und einen Nasen- und Mundschutz tragen.

Zur dritten Frage: Ist unsere Pestarztmaske „echt“? Wurde sie angefertigt, um einen Arzt zu Pestzeiten vor der Ansteckung zu schützen? Oder hat sie ein Medizinprofessor im 19. Jahrhundert für seine historische Lehrsammlung in Auftrag geben? Oder hat sie vielleicht ein findiger Fälscher gebastelt, um sie gewinnbringend auf dem Kunstmarkt zu verkaufen? Wir wissen es nicht.

Wenn die Pestarztmaske des DMMI ab September in der neuen Dauerausstellung zu sehen ist, wird sie genau diese Geschichte erzählen – eine Geschichte des Zweifelns, eine Ermutigung zum kritischen Blick auf historische Objekte und zum Hinterfragen liebgewonnener Narrative.

Literatur:
- Annemarie Kinzelbach: Warum die Pest aus vormodernen Reichsstädten verschwinden musste. Süddeutsche Beispiele. In: LWL-Museum für Archäologie (Hg.): Pest. Eine Spurensuche. Darmstadt 2019, S. 256-264
- Marion Maria Ruisinger: Fact or Fiction? Ein kritischer Blick auf den „Schnabeldoktor”.  In: LWL-Museum für Archäologie (Hg.): Pest! Eine Spurensuche. Darmstadt 2019, S. 267-274

Autorin:
Prof. Dr. Marion Ruisinger
Deutsches Medizinhistorisches Museum Ingolstadt
www.dmm-ingolstadt.de

geschrieben im Homeoffice am 23.3.2020

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