Reihe „Autopsien”: Augenfarbentafel. Zur Rolle anthropologischer Untersuchungen in der NS-Verfolgungspolitik

Mi., 27.7.2011, 19.00 Uhr (mit Dr. Astrid Ley, Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten)

Im Zentrum des Abends steht eine von den Anthropologen Rudolf Martin und Bruno K. Schultz entwickelte Augenfarbentafel: Das Objekt stammt aus dem Besitz von Professor Eugen Fischer, erster Direktor des 1927 auf seine Initiative hin gegründeten Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie in Berlin-Dahlem. Fischer war einer der bedeutendsten Anthropologen seiner Zeit und bestimmte die nationalsozialistische "Rassenpolitik" als sachverständiger Berater der Regierung aktiv mit.

Der in einem aufklappbaren Kästchen untergebrachte Glasaugensatz ermöglichte eine genaue Definition der Augenfarbe. Diese Untersuchung war gängiger Teil anthropologischer - oder in der NS-Diktion: "rassenbiologischer" - Explorationen. Der Zusammenhang zwischen solchen wissenschaftlichen Untersuchungsverfahren und der rassistischen Verfolgungspolitik der Nationalsozialisten soll am Beispiel einer Opfergruppe illustriert werden, die in der historischen Aufarbeitung der NS-Verbrechen oft vergessen wurde: der Sinti und Roma.

Nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten erhielt die Verfolgung der Sinti und Roma eine neue Qualität. Schon seit Jahrhunderten war die Minderheit zahlreichen Diskriminierungen und Beschränkungen unterworfen gewesen. Seit 1943 wurden die Menschen in Vernichtungslager deportiert und systematisch ermordet.

Grundlage des Genozids an den Sinti und Roma war eine neue, rassenbiologische "Zigeunerdefinition". Waren zuvor nur solche Menschen als "Zigeuner" eingestuft worden, die in Wohnwägen lebten und als "nicht-sesshaft" galten, so wurde in der NS-Zeit als "Zigeuner" klassifiziert, wer Sinti und Roma zu seinen Vorfahren zählte. Dadurch wurden auch gesellschaftlich vollständig integrierte Personen in die Verfolgung einbezogen.

Beim Entwurf der rassenbiologischen "Zigeunerdefinition" und bei der Erfassung der hiernach als "Zigeuner" eingestuften Sinti und Roma spielte die sogenannte "Rassenhygienische Forschungsstelle" unter dem Anthropologen Robert Ritter die zentrale Rolle. Unterstützt durch die Polizei fertigten die Mitarbeiter seit 1936 hunderttausende von "Rasse-Gutachten" über die in Deutschland lebenden Sinti und Roma an. Ihre Gutachten dienten später als Grundlage für die Deportation dieser Menschen in die Vernichtungslager. Die meisten Sinti und Roma wurden dort ermordet.

Die Mitarbeiter der Rassenhygienischen Forschungsstelle nutzen bei ihren Untersuchungen verschiedene anthropologische Tafeln, um die Augen-, Haut-, und Haarfarbe zu bestimmen. Im Nachlass einer Mitarbeiterin dieser Forschungsstelle befand sich auch eine Augenfarbentafel nach Martin/Schultz. Im Vortrag werden die "Rassenforschungen" der Forschungsstelle den Kontext der gesamten Verfolgungsgeschichte von Sinti und Roma gestellt, um die zentrale Rolle jener Wissenschaftler beim systematischen Massenmord an dieser Minderheit zu verdeutlichen.

Zur Referentin:

Dr. Astrid Ley ist Historikerin mit Arbeitsschwerpunkt "NS-Medizinverbrechen" bei der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. Für die Gedenkstätte Sachsenhausen erarbeitete sie die Dauerausstellung "Medizin und Verbrechen. Das Krankenrevier des KZ Sachsenhausen". Derzeit baut sie eine Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasie-Morde in der Stadt Brandenburg/Havel auf.

Eintritt frei

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