September 2014: Röntgenalbum
Album mit Röntgenbildern, München 1916

Das großformatige, über acht Kilogramm schwere Album aus der Sammlung des Deutschen Medizinhistorischen Museums ist ein irritierendes Objekt. In goldenen Lettern prangt auf dem ledergebundenen Einband die Widmung: „Ihrer Königlichen Hoheit / Frau Herzogin Carl Theodor / in dankbarster Verehrung / von den / Verwundeten Ihres Lazarettes / 19. März 1916 / Kriegsjahr: 1. August 1914 – 1. August 1915 / Band I.” Mit dem Datum der Widmung hat es eine besondere Bewandtnis: Der 19. März 1916 war der 59. Geburtstag von Maria Josepha, der Witwe Herzog Carl Theodors in Bayern.  Das Album war demzufolge ein Geburtstagsgeschenk für die „Herzogin Carl Theodor”, wie sie von den Zeitgenossen genannt wurde. Auch das Wappenmotiv auf dem Einband verweist auf das Herzogspaar, denn es vereint unter der Herzogskrone die bayerischen Rauten mit den Kastellen und Schilden Portugals.

Herzog Carl Theodor in Bayern, selbst Augenarzt, hatte zusammen mit seiner Frau im Jahr 1895 die nach ihm benannte Augenklinik in der Nymphenburger Straße gegründet. Nach seinem Tod 1909 führte Maria Josepha die Augenklinik weiter. Während des Ersten Weltkriegs stellte sie die Klinik als Vereinslazarett für die Versorgung verwundeter Soldaten zur Verfügung.

Schlägt man das Album auf, begegnet man der goldumrahmten Porträt-Fotografie einer ernst blickenden Frau mittleren Alters mit weißer Haube und dunklem Kleid. Die breite weiße Armbinde an ihrem rechten Oberarm trägt ein rotes Kreuz: Die Fotografie zeigt die Herzogin  in der Tracht einer Rot-Kreuz-Schwester. Darunter steht zu lesen: „Röntgen-Station / im Vereins-Lazarett Augenklinik „Herzog Carl Theodor”. / in der alle Aufnahmen und Durchleuchtungen der Verwundeten hergestellt wurden. In diesem Röntgenbilder-Album wurden sämtliche Aufnahmen versammelt [...]”.

Auf der nächsten Doppelseite zieht die rechts eingeklebte Fotografie die Blicke auf sich. Es ist ein Schwarzweiß-Foto eines Unterarmes oder, genauer gesagt, ein mit Fotopapier angefertigter Kontaktabzug von einer gläsernen Röntgenplatte. Die distale Ulna ist durch eine Schussfraktur zertrümmert, auch ausgedehnte Weichteildefekte zeichnen sich ab.

Das Röntgenbild bietet einen distanzierten, auf das Zweidimensionale reduzierten, fast ästhetischen Blick auf die Kriegsverletzung. Es verrät nichts über die Person des Verwundeten und sein weiteres Schicksal. Doch das Album sollte wohl mehr sein als nur eine Leistungsschau der Röntgenstation. Als kollektives Geburtstagsgeschenk für die Herzogin sollte es auch persönliche Züge tragen. Deshalb wurde jeder Röntgenbefund auf der linken Albumseite durch eine Notiz mit Angaben zu dem Verwundeten ergänzt. Name, Beruf und Wohnort sind hier ebenso vermerkt wir Truppenteil, Ort und Datum der Verletzung, das Datum der Einlieferung im Vereinslazarett „Augenklinik Herzog Carl Theodor” in der Nymphenburger Straße und der Befund der dort angefertigten Röntgenaufnahme. Fast alle Bögen sind von den jeweiligen Soldaten selbst unterzeichnet. 81 Kriegsverletzungen sind auf diese Weise dokumentiert. Sie betreffen bis auf wenige Ausnahmen die Extremitäten. In vielen Fällen zeichnen sich metallische Fremdkörper ab, die der Krieg in den Soldaten hinterlassen hatte: Granatsplitter, Schrapnellkugeln, Infanteriegeschosse.

Das Fotoalbum als typisches Medium der bürgerlichen Erinnerungskultur wird durch seine Verbindung mit der klinischen Dokumentation einer Röntgenabteilung zu einem befremdlichen Hybridobjekt zwischen Röntgentechnik, Krieg, Klinik und Königshaus. Anlässlich des Gedenkjahres 2014 ist dieses Röntgenalbum vom Deutschen Medizinhistorischen Museum zum Ausgangspunkt für eine kleine Ausstellung gewählt worden, die unter dem Titel „Spurensuche. Röntgenbilder aus dem Ersten Weltkrieg” drei Fragenkomplexen nachgeht: der Bedeutung der damals noch recht neuen Röntgentechnik für die Militärmedizin, der „Augenklinik Herzog Carl Theodor” und ihrer Nutzung als Vereinslazarett sowie den 81 Soldaten, deren Verletzungen in dem Album dokumentiert sind. Die Ausstellung „Spurensuche” ist noch bis 26. Oktober in Ingolstadt zu sehen.

 

Literatur

Marion Maria Ruisinger (Hg.): Spurensuche. Röntgenbilder aus dem Ersten Weltkrieg. Ingolstadt 2014 (Kataloge des Deutschen Medizinhistorischen Museums Ingolstadt, 41)


Autorin:

Prof. Dr. Marion Ruisinger

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