November 2017: Aids-Teddy
Teddybär der Münchner AIDS-Hilfe; 2016, Clemens Spieltiere GmbH.

Sie tragen ein dunkles, braunes oder graues Fell und sind meist mit einem frechen Accessoire wie einem Rucksack oder einer schmucken grünen Weste ausgestattet. Ihre kleinen schwarzen Knopfaugen und die vorstehenden Schnauzen erinnern an den besten Freund aus fernen Kindheitstagen, den man zum Kuscheln so gerne mit ins Bett nahm. Allerdings verrät ein meist dezent an einer Tatze angebrachtes Symbol in intensivem Rot, dass es sich bei Bären wie dem hier abgebildeten eigentlich nicht um Stofftiere für Kinder handelt.

Das Symbol der roten Schleife stellt nämlich ein „Red Ribbon“ dar, und dieses gilt seit 1991 als weltweites Zeichen für den Kampf gegen Aids und für die Solidarität mit HIV-Infizierten und AIDS-Kranken. Eine kleine rote Schleife mit dem Aufdruck „Bärenstark für die Münchner Aids-Hilfe e.V.“ klärt zudem darüber auf, dass der Erlös aus dem Verkauf dieses Plüschtiers an die regionale Aids-Hilfe in München geht, die Projekte zur Bekämpfung dieser Immunschwächekrankheit koordiniert und betreut. Vertrieben werden die vom deutschen Spielwarenproduzenten „Clemens Spieltiere GmbH“ in einem jährlich wechselnden Design hergestellten Bären um den 1. Dezember, dem von der WHO 1988 erstmals ausgerufenen Gedenktag für an AIDS-Verstorbene.

Der hier abgebildete Teddy stammt also aus München und stellt den Aids-Teddy des Jahres 2016 dar. Der eigentliche Ursprung dieser Bären führt allerdings in die Schweiz und zu einem Mann namens Heiko Sobel, dem die Idee zu Stoffbären, durch deren Verkauf Spendengelder für Aids-Projekte gesammelt werden sollten, in den 1990er Jahren gekommen war.

Der Zürcher Pfarrer Sobel lernte während eines Aufenthaltes in San Francisco in den späten 1980er Jahren eine Aktion kennen, bei der der damalige Bürgermeister jedem an Aids Erkrankten im Hospital einen Teddybären geschenkt hatte. San Francisco war zu dieser Zeit neben New York jene US-amerikanische Stadt, deren queere Subkultur am heftigsten von dieser Erkrankung rätselhaften Ursprungs heimgesucht wurde. Mit dieser Geste der Solidarität wollte der Bürgermeister demonstrativ gegen die vielerorts stattfindende Diskriminierung von Aids-Kranken ankämpfen und ihnen in Erinnerung rufen, dass sie immer noch Bürger der Stadt San Francisco wären. Ein Bär in Plüsch schien dabei passend, denn seit 1911 trägt der Bundesstaat Kalifornien einen Bären als Wappentier in seiner Flagge. Abgesehen von dieser symbolischen Geste knüpfte der Bürgermeister wohl unbewusst an den Brauch an, Stofftiere kurz vor einer größeren Operation als persönliche Glücksbringer mit ins Krankenhaus zu nehmen und liebevoll auf den meist nüchtern gehaltenen Nachttischen zu drapieren.

So begann auch Heiko Sobel nach seiner Rückkehr in die Schweiz, jedem Neuankömmling im von ihm 1988 mitbegründeten Hospiz für Aids-Kranke einen Bären als Trostspender zu schenken. Als palliative Einrichtung war dieses Zürcher „Lighthouse“ wie ähnlich organisierte Hospize in der Schweiz allerdings meist defizitär und stand aufgrund von Finanzierungsschwierigkeiten mehrmals vor der Schließung. So kam Sobel auf die Idee, im Rahmen einer Benefizaktion Bären mit Lighthouse-Schriftzug zu verkaufen. Mit dem Erlös sollte die Weiterführung des Hospizes gewährleistet werden. Diese Aktion war in der Tat so erfolgreich, dass Sobel diese von nun an jährlich wiederholte und die Idee international vermarktete. Seit ungefähr 2000 können Aids-Organisationen daher Plüschbären ordern, um durch den Verkauf Spendengelder zu lukrieren.

In diesem Sinne lassen sich Bären wie der hier Abgebildete in eine lange Reihe von Benefiz-Galas oder Charity-Veranstaltungen einreihen, die seit den 1980er Jahren zur Bekämpfung von Aids ins Leben gerufen wurden. Ohne die über diese Aktionen eingeworbenen Spenden könnten wichtige Projekte lokaler Aids-Hilfen wohl nur schwer durchgeführt werden, etwa die kostenintensive ambulante Betreuung oder unbürokratische Einzelfallhilfen von HIV-Infizierten. Somit stehen die Aids-Bären trotz ihres knuffigen Aussehens auch für die prekäre Situation vieler Aids-Organisationen, die im Zuge der Chronifizierung von HIV/Aids die Finanzierung spezifischer Projekte zur Prävention oder Krankenversorgung oftmals nur noch über derartige Spendensammlungen sicherstellen können.

Literatur
Hornung, René, Schweizer Lighthouses mit ungewisser Zukunft, in: Weber, Achim / Gekeler, Corinna (Hg.), Selbstbestimmt versorgt am Lebensende? Grenzwanderungen zwischen Aids- und Hospizbewegung (= AIDS-Forum DAH 46), Berlin 22007, 172-176.

Rosenbrock, Rolf / Schaeffer, Doris (Hg.), Die Normalisierung von Aids. Politik – Prävention – Krankenversorgung (= Ergebnisse sozialwissenschaftlicher Aids-Forschung 23), Berlin 2002, 11-68.

Tümmers, Henning, Aids. Autopsie einer Bedrohung im geteilten Deutschland (= Beiträge zur Geschichte des 20. Jahrhunderts 23), Göttingen 2017.

Autor:
Dr. Alois Unterkircher

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