November 2011: Zander-Gerät
Rumpfdrehstuhl n. G. Zander, Stahl, Gusseisen, Holz, Stoff, Anf. 20. Jh., H 120, B 75, T 125 cm

Die Vielfalt der Sammlungsobjekte bietet es an, bei ihrer Bearbeitung mit Fachwissenschaftlern aus anderen Forschungsgebieten zu kooperieren. Für das „Zander-Gerät” konnte der Technikhistoriker Dr. Noyan Dinçkal (Technische Universität Darmstadt) als Gastautor gewonnen werden.

Zur Sammlung des Deutschen Medizinhistorischen Museums gehört ein Gerät, das auf den ersten Blick außerordentlich modern anmutet. Es ähnelt in vielerlei Hinsicht aktuellen Maschinen der Körperertüchtigung, wie wir sie etwa aus Fitness- und Bodybuildingstudios kennen. Doch dieses „Zandergerät“ kam bereits um 1900 zum Einsatz und erfreute sich als technisches Hilfsmittel vor allem in der medizinischen Heilgymnastik und Orthopädie großer Beliebtheit. Diese „Widerstandsapparate” und „Kraftmaschinen” konnten als Muskelstärker von den Patienten selbst oder mit Hilfe elektrisch betriebener Motoren betätigt werden. Zeitgenossen bezeichneten diese apparategestützte Therapieform auch als Mechanotherapie oder Medikomechanik. Das Gerät aus dem Sammlungsbestand des Museums wurde durch die Muskelkraft des Patienten in Bewegung gesetzt und diente speziell zur Stärkung der Arm- und Rumpfmuskulatur. Die mechanische Einwirkung wurde dazu verwendet, Kranken durch dosierte und isolierte Muskelübungen die Gesundung ihrer Organe, Muskeln oder Gelenke zu erleichtern. Während des Ersten Weltkriegs kamen diese Maschinen zur Rekonvaleszenz Kriegsversehrter und zur Behandlung von Amputationsstümpfen zum Einsatz.

Entwickelt wurden sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vom schwedischen Heilgymnastiker Gustav Zander. Der Kern seiner Idee lag in der Übertragung manueller heilgymnastischer Übungen auf eine Maschine. Grundlegend hierbei war, dass durch die industriell gefertigten Apparate eine Standardisierung der Bewegungsabläufe sowie ihre Regelmäßigkeit und Gleichmäßigkeit gewährleistet werden konnten. Mit einem, auch auf dem Objekt des Museums angebrachten, Hebel mit einer Skala von 1 bis 20 konnte das angebrachte Gewicht und damit die Belastung geregelt, kontrolliert gesteigert und jederzeit reproduziert werden. Anfangs war bei der Ausübung dieser medikomechanischen Gymnastik die Betreuung durch einen Mediziner vorgeschrieben. Auch die schematisierten Übungsabläufe wurden den Patienten nach Vorbild der Pharmaka-Rezepte verschrieben.

 Auf Betreiben Zanders entstanden in Europa und in den USA flächendeckend kommerzielle, von Ärzten und privaten Investoren geleitete und teilweise in GmbH-Form organisierte Institute, in denen an derartigen Maschinen trainiert werden konnte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Deutschland eine Hochburg der „Zanderei”. Neben Krankenhäusern und Kliniken (vor allem solchen, die auf Unfallverletzungen spezialisiert waren), Universitäten, physikalischen Heilanstalten und Kurverwaltungen gehörte auch ein illustrer Kreis von Privatpersonen zu den begeisterten Anhängern dieser Maschinen: so etwa der Großherzog von Mecklenburg-Strelitz und Kaiser Wilhelm II.

Das Beispiel deutet schon an: Mit der medizinischen Verwendung und industriellen Fertigung dieser Apparate ging die kommerzielle und allgemein fitnessorientierte Nutzung Hand in Hand. Zandergeräte fanden private Abnehmer in den wohlhabenden Kreisen des Kaiserreichs oder wurden in das Freizeitangebot luxuriöser Passagierschiffe integriert, wo sie in großzügigen Gymnastiksälen als Trainingsgeräte dienten. Speziell in den Zwanzigerjahren gehörten Zandergeräte schon zur Ausstattung von „Krafttempeln”, wo es nur noch um die technisierte Optimierung des Körpers ging, vollkommen losgelöst vom medizinischen Entstehungszusammenhang. Darin liegt auch die oben angesprochene Aktualität des Zandergerätes. Eben weil dieses Gerät an der Schnittstelle von Apparatemedizin und freizeitorientierter Körperertüchtigung angesiedelt war, gewährt es spannende Einblicke sowohl zur historischen Rolle von Medizintechnik als auch zum gesellschaftlichen Stellenwert von Schönheitsidealen und körperlicher Leistungsfähigkeit.

 

Literatur:

Noyan Dinçkal: Medikomechanik. Maschinengymnastik zwischen orthopädischer Apparatebehandlung und geselligem Muskeltraining, in: Technikgeschichte 74 (2007), S. 227–250.

Hans Christoph Kreck: Die Medico-Mechanische Therapie Gustav Zanders in Deutschland. Ein Beitrag zur Geschichte der Krankengymnastik im Wilhelminischen Kaiserreich, Frankfurt a. M. 1987.

Beate Rüttimann: Die Orthopädie der Maschinen und Privatinstitute, in: Medita 6 (1980), S. 2–15.


Korrespondenzadresse:

Dr. Noyan Dinçkal
Technische Universität Darmstadt
Institut für Geschichte
Residenzschloss
64283 Darmstadt
E-Mail: dinckal(at)ifs.tu-darmstadt.de
 

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