Mai 2018: Ballspende
Ballspende mit Album zur Errichtung der II. Wiener Hochquellenleitung. Silber, Karton, Textilmaterial, Metall; handwerklich gefertigt, bedruckt; 10,30 x 11 x 7,6 cm (Kassette geöffnet)

Mitunter gelangen Objekte in die Sammlung des Deutschen Medizinhistorischen Museums, deren Bezug zur Medizingeschichte sich erst auf dem zweiten Blick offenbart. Als Beispiel sei diese „Damenspende“ vorgestellt, die weibliche Besucher des Balls der Stadt Wien im Februar 1911 vom Veranstalter als Präsent erhielten. Von namhaften Künstlern entworfen, spielten diese kunstgewerblichen Kostbarkeiten durch ihre Gestaltung auf das Motto des jeweiligen Balls oder auf den Veranstalter selbst an. 1899 beispielsweise überreichte man am Ball der Wiener Bäckermeistersöhne einen Backofen im Miniaturformat mit ausziehbarem Backblech, 1892 überraschte das Komitee des Industriellen-Balls die Damen mit dem kleinen Nachbau einer Maschine zur Stromerzeugung. Der Erste Weltkrieg setzte dieser verspielten Tradition ein abruptes Ende.

Ballspenden erfüllten dabei nicht nur dekorative Zwecke. Häufig verbarg sich in diesen Miniaturen ein kleines Heftchen mit der gedruckten Tanzfolge. Darin konnte die Dame die Namen jener Herren eintragen, denen sie an diesem Abend einen Tanz versprochen hatte. Auch bei der hier vorgestellten Ballspende befindet sich in der Schatulle ein kleines ovales Album mit Blättern aus festem Karton, auf denen ganz hinten die auf diesem Ball gespielten Walzer und Quadrillen aufgelistet sind.

Für die Medizingeschichte sind indessen weniger die Musikstücke von Interesse, als vielmehr die kleinen Fotos auf den Blättern davor. Denn diese zeigen die „Kaiser-Franz-Josef-Hochquellenleitung“, mit der Wasser aus den Quellen im steirisch-niederösterreichischen Grenzgebiet über unzählige Aquädukte rund 200 Kilometer weit bis in die Wasserspeicher vor die Tore Wiens geführt wurde. Pumpwerke verteilten von dort aus das kostbare Nass über die gesamte Stadt, die somit mit sauberem Gebirgswasser versorgt werden konnte. Diese Hochquellenleitung war nicht nur eine technische Meisterleistung, sie stellte auch eine der wirkungsvollsten Maßnahmen zur Bekämpfung zweier gefürchteter Seuchen des 19. Jahrhunderts dar, nämlich des Typhus und der Cholera.

Somit steht diese silberne Schmuckschatulle des Wiener Jugendstils nicht nur für die Tanzfreudigkeit der Wiener Gesellschaft um die Jahrhundertwende, sondern exemplarisch für das seit den 1860er Jahren einsetzende Bemühen vieler Großstädte, durch infrastrukturelle Maßnahmen wie den Bau einer zentralen Wasserversorgung oder einer flächendeckenden Kanalisation auf das rasante Bevölkerungswachstum zu reagieren. Die Menschenkonzentration in den Städten führte vielerorts zum Zusammenbruch traditioneller Systeme der Wasserzufuhr und der Abwasserentsorgung, zu Wohnungsnot und jenen hygienischen Missständen, die zur berüchtigten „Übersterblichkeit“ der Stadtbevölkerung beitrugen. Denn ab der Mitte des 19. Jahrhunderts verzeichneten viele Städte eine sinkende Lebenserwartung und einen Anstieg der Sterblichkeit an Infektionskrankheiten, u.a. an Bauchtyphus, dessen Erreger hauptsächlich über verseuchtes Trinkwasser oder kontaminierte Nahrungsmittel verbreitet wurden.

Die Wiener Stadtverwaltung hatte bereits in den Jahren 1870 bis 1873 den Bau einer zentralen Wasserleitung (der sogenannten „Ersten Wiener Hochquellenleitung“) in Auftrag gegeben. Kurz nach deren Inbetriebnahme sank die Sterblichkeit an Typhus in jenen Stadtgebieten, die an diese Leitung angeschlossen waren, merklich. Auch der einsetzende Rückgang der Säuglingssterblichkeit an gastro-intestinalen Infektionen steht mit der Fertigstellung dieser ersten Hochquellenwasserleitung in Verbindung. Doch trotz der baulichen Meisterleistung blieb die Stadt Wien von Wassersorgen nicht verschont, sodass erst durch die Eröffnung der zweiten Leitung am 2. Dezember 1910 die stetige „Wassernot“ behoben und der, trotz aller Maßnahmen immer wieder sporadisch aufflackernde, Typhus endgültig unter Kontrolle gebracht werden konnte.

Wie zahlreiche Studien der letzten Jahrzehnte zu anderen Städten herausarbeiten konnten, hatten neue Konzepte wie die Bakteriologie oder Entwicklungen in der medizinischen Therapeutik erstaunlich wenig Anteil am generellen Sterblichkeitsrückgang in den Großstädten ab Ende des 19. Jahrhunderts. Hauptursache waren vielmehr Reformen der gesundheitsrelevanten Infrastruktur (Wasserversorgung, Kanalisation) sowie die allgemeine Verbesserung der Ernährungssituation breiter Bevölkerungsschichten. Angesichts der ab 1910 auf lange Sicht hin sichergestellten Versorgung Wiens mit sauberem und frischem Gebirgswasser konnte am damaligen Ball der Stadt Wien in der Tat ausgelassen bis in den Morgen hinein getanzt werden.

Literatur:

Bernhard, Fritz, Wiener Ballspenden (= Die bibliophilen Taschenbücher 127), Dortmund 1979.
Spree, Reinhard, Der Rückzug des Todes. Der epidemiologische Übergang in Deutschland während des 19. und 20. Jahrhunderts, in: Historical Social Research 23 (1998), 4–43.
Vögele, Jörg, Sozialgeschichte städtischer Gesundheitsverhältnisse während der Urbanisierung (= Schriften zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte 69), Berlin 2001.
Weigl, Andreas, Demographischer Wandel und Modernisierung in Wien (= Kommentare zum Historischen Atlas von Wien 1), Wien 2000.

Autor:

Dr. Alois Unterkircher

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