März 2018: "Hungertaler"
Steckmedaillon (Zinn, Papier, Nürnberg 1817)

Missernten bedeuteten Hunger, Krankheit, Leid und Tod. Umso größer war die Freude, wenn eine gute Ernte folgte. Einem solchen Wechsel vom Mangel zur Fülle ist das von dem Nürnberger Gürtler Johann Stettner (1785 bis 1872) angefertigte Steckmedaillon gewidmet.

Es erinnert an das Jahr 1816, als Kälte, Regen, Hagel und Gewitter die Ernte verdarb und die schlimmste Hungersnot des 19. Jahrhunderts nach sich zog: „Gros ist die Noth / O Herr erbarme Dich“, so das Stoßgebet, das die Darstellung eines verdorrten Baumes und einer vom Leid gedrückten Familie umgibt. Das Medaillon erinnert aber auch – auf der Kehrseite der Medaille – an den Erntesegen des Folgejahres: Ein Mädchen reicht einem dankbar betenden Mann den Erntekranz, am Himmel schwebt ein Genius, der eine doppelte Ähre in der Hand trägt, vor dem Schriftzug „Erkenne das ein Got ist“ .

Dieses Bild-Text-Programm wird durch das zierliche Leporello fortgeführt, das sich beim Öffnen des Steckmedaillons entfaltet. Auf acht kreisrunden, durch ein Seidenband verbundenen Papiermedaillons werden dem Betrachter (auf der Vorderseite) das Hungerjahr 1816 und (auf der Rückseite) das Erntejahr 1817 in kolorierten Kupferstichen und korrespondierenden Texten in Erinnerung gerufen. Hierfür zwei Beispiele:

1816: „Fürchterlich waren die Verheerungen, welche im Jahr 1816 der Hagelschlag verbreitete. Iammernd standen Tausende, wie hier der Landmann mit seinem Weibe und seinem Knaben, vor den zerschlagenen Saaten, und vor den, durch den wilden Sturm, zerschmetterten Bäumen.“

1817: „Mit unaussprechlichem Entzücken sah man die volle Saat auf dem mütterlichen Schoosse der Erde sich wiegen, und statt 2 Reihen von Körnern zeigten sich 4 auch bis weilen 6 Reihen, u. sogar oft auf einem Halm mehrere Aehren neben einander. Da führten die Väter ihre Kinder vor die reichen Saaten; u. lehrten ihnen wie gross die Gnade des Höchsten sey.“

Heute wissen wir, dass das „Jahr ohne Sommer“ auf einen Vulkanausbruch zurückging. Die Eruption des östlich von Java gelegenen Tambora im April 1815 war so gewaltig, dass die Explosionswolke bis in 45 Kilometer Höhe hinaufreichte. Die ausgestoßenen Aerosole verminderten die Sonneneinstrahlung, eine globale Erdabkühlung war die Folge. 

Für die Wissenschaftsgeschichte bietet das Jahr 1816 noch einen überraschenden Anknüpfungspunkt: Der nasskalte Sommer bildete den Rahmen für die Geburt einer literarischen Gestalt, die zur Symbolfigur für medizinische Grenzüberschreitungen schlechthin wurde: Victor Frankenstein. 
Die 18-jährige Engländerin Mary Godwin verbrachte diesen Sommer mit ihrer Schwester und ihrem späteren Mann, dem Dichter Percy Bysshe Shelley, in Gesellschaft von Lord Byron am Genfer See. „Es war ungewöhnlich kalt und regnerisch“, erinnerte sie sich zwei Jahre später, „und an den Abenden drängten wir uns um ein loderndes Kaminfeuer und vertrieben uns gelegentlich die Zeit mit ein paar deutschen Gespenstergeschichten, die wir zufällig entdeckt hatten“. So entstand die Idee, dass jeder eine Erzählung schreiben solle, die auf einem übernatürlichen Ereignis beruhte. 

Mary Shelleys Geschichte war die einzige, die vollendet werden sollte: 1818 veröffentlichte sie ihr Erstlingswerk „Frankenstein or The modern Prometheus“. Die Kernfrage des Romans – die Verantwortung des Menschen für seine Schöpfung – ist heute, nach 200 Jahren, aktueller denn je. Mary Shelley ließ den jungen Schweizer Frankenstein übrigens an der Bayerischen Landesuniversität in Ingolstadt Medizin studieren. Den Grund dafür verriet sie nicht. Am Plausibelsten ist wohl die Erklärung, dass in Ingolstadt noch eine andere „Kreatur“ das Licht der Welt erblickte: Hier gründete Professor Adam Weishaupt 1776 den Orden der „Illuminati“. Die Shelleys wussten um die Illuminaten und ihre Vision eines radikal aufgeklärten, „neuen“ Menschen - gut möglich, dass Mary Shelley sich deshalb für Ingolstadt entschied.

 

Literatur:

Wolfgang Behringer: Tambora oder das Jahr ohne Sommer. Wie ein Vulkan die Welt in die Krise stürzte, München 2015.
Ernst Preßler: Schraubtaler und Steckmedaillen. Verborgene Kostbarkeiten, Stuttgart 2000.
Mary Shelley: Frankenstein oder Der moderne Prometheus. Die Urfassung von 1818. Aus dem Englischen übersetzt und in neuer Überarbeitung herausgegeben von Alexander Pechmann. Nachwort von Georg Klein, München 2017.

 Autorin:

Prof. Dr. Marion Ruisinger

 

 

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