Juni 2016: Ein neues Kapitel für die "Alte Anatomie"
Marcus Ebener, Berlin

Wer in den vergangenen Monaten das Deutsche Medizinhistorische Museum in Ingolstadt besuchen wollte, wurde enttäuscht. Das Tor zur „Alten Anatomie” war verschlossen, nebenan lärmte eine Baustelle, aus dem Museumsbesuch wurde nichts. Diese Unannehmlichkeiten mussten in Kauf genommen werden, um das Museum zukünftig noch interessanter, lebendiger und besucherfreundlicher zu machen – „per aspera ad astra”. 

Neben der barocken Anatomie ist in der Zwischenzeit ein beeindruckender Neubau entstanden. Der Architekt ist Volker Staab, von dem in Bayern unter anderem das Neue Museum in Nürnberg, das Museum der Bayerischen Könige in Hohenschwangau und die Erweiterung des Richard-Wagner-Museums in Bayreuth stammen.

Das Architekturbüro Staab Architekten, Berlin, war als klarer Sieger aus dem 2012 durchgeführten Architektenwettbewerb hervorgegangen. Volker Staab hat die schwierige Aufgabe, einen modernen Auftakt für die barocke Anatomie zu schaffen, mit Bravour gelöst. Er komponierte in die schmale Baulücke zwischen dem Anatomiegebäude und der daneben gelegenen Berufsschule einen Baukörper hinein, der auf seine Nachbarn Rücksicht nimmt und der Anatomie gegenüber bescheiden zurück tritt, aber dennoch selbstbewusst eine zeitgemäße Formen- und Materialsprache präsentiert. Bescheiden und selbstbewusst – das ist die „Kunst der Fuge”, die Volker Staab und seinen Mitarbeitern Madina von Arnim und Alexander Böhme hier gelungen ist.

Auch bautechnisch hat der Neubau einige interessante Aspekte aufzuweisen, insbesondere im Bereich des Daches: Das hat nämlich keinen Dachstuhl, sondern wurde aus 15 cm dicken, verleimten Platten aus nordischer Fichte zu einer freitragenden, zeltartigen Konstruktion zusammengesetzt. Bevor die Trennwände für die Verwaltungsräume eingezogen wurden, war das ganze Dach eine einzige luftige Halle ohne zusätzliche Stützen.

Ein weiterer interessanter Aspekt ist die schokoladenbraune „Haut” aus eloxiertem Aluminium, die sich über den gesamten Baukörper zieht. Beim Betrachten weckt das gewellte Relief der Metallplatten je nach Veranlagung Assoziationen an Bühnenvorhänge, Baumrinde, Muskelfasern oder Borkenschokolade. Vom Arzneipflanzengarten aus gesehen, bietet das Gebäude einen ruhigen, organisch anmutenden Hintergrund für das prachtvolle Lindenspalier, das den Anatomiegarten einfasst.

Der Neubau wird sicherlich ein Besuchermagnet. Doch die Hauptperson auf dem Gelände bleibt das Museumsgebäude, das 1723 als Anatomie für die damals in Ingolstadt beheimatete bayerische Landesuniversität errichtet wurde. Doch so ansprechend dieses Lustschlösschen der Wissenschaft auch sein mag, als Museum eignet es sich nur bedingt. Für Servicefunktionen wie Garderobe, Schließfächer oder eine behindertengerechte Toilettenanlage ist darin kein Platz, ganz zu schweigen von einem Personenaufzug für die barrierefreie Erschließung oder gar Angebote wie Museumscafé oder Museumsshop. All das – und vieles mehr – wird durch den Erweiterungsbau nun möglich. Damit beginnt ein neues Kapitel für die „Alte Anatomie”. Aufgeschlagen wird es mit einem großen Museumsfest am Samstag, 23. Juli, ab 15 Uhr. Das historische Museumsgebäude bleibt allerdings noch bis 2017 geschlossen, um dringend notwendige Sanierungsarbeiten durchzuführen. Weitere Informationen unter www.dmm-ingolstadt.de


Autorin:

Prof. Dr. Marion Ruisinger

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